Viva Arte Viva - Die 57. Biennale in Venedig

Viva Arte Viva - der Titel der 57. Biennale in Venedig war Programm. 120 Künstler waren eingeladen, einen Beitrag zur weltweit ältesten Biennale beizutragen und im Mittelpunkt sollte der Spaß an der Kunst stehen. Ein solches Motto bietet schier grenzenlose Möglichkeiten. Das kann gut sein, muss es aber nicht. Plastiken, Bilder, Installationen und Dokumentationen schmückten die Ausstellungsgebäude und nicht selten stellte ich mir die berühmte Frage: "Ist das Kunst oder kann das weg?"

Ein Besuch der Kunstbiennale stand für uns weit oben auf der To-Do-Liste für Venedig. Zum einen gibt es da die kleinen Ausstellungen in den alten Palazzi, die quer über die Stadt verteilt sind. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf den beiden abseits gelegenen Ausstellungsorten, der Arsenale und den Giardini. Beide ließen sich mit einer Eintrittskarte für 15 Euro für kleine Studenten oder 25 Euro für große Steuerzahler besuchen. Kein Schnapper, aber meine Gesichtszüge entgleisten nach einigen Tagen in Venedig deswegen nur noch dezent. Zudem fand ich die Ausstellung in der Arsenale überraschend lohnenswert. Die großen kargen, steinernen Hallen der alten Schiffswerft und Flottenbasis der ehemaligen Republik Venedig boten eine ganz besondere Kulisse.

Venedig

Biennale di Venezia

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Genau 615,152 Besucher haben die Biennale 2017 zwischen dem 23. Mai und dem 26. November besucht. Ein neuer Rekord, doch trotz des großen Andrangs konnten wir uns die Beiträge in der Arsenale recht entspannt ansehen. Recht catchy fand ich das Musikvideo von Lady Bunny, welches auf einer großen Leinwand hinter dem Eingang gezeigt wurde. Doch auch die kleinen Dinge waren des Merkens würdig - wie etwa dieses MacBook. Der japanische Künstler Shimabuku hatte die Kante solange geschärft, bis er es als Beil nutzen konnte, um einen Apfel zu spalten.

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Ähnlich großartig fand ich die Idee, Schuhe zu bepflanzen.

Biennale di Venezia

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Für Chile steuerte Bernardo Oyazún "Werken" bei. Die Masken stehen im speziellen für das Volk der Mapuche, können aber auch ganz allgemein als Menschengruppe verstanden werden, die sich bedroht fühlt. Ich fand es großartig, denn die Installation gab einem das Gefühl, tatsächlich angestarrt zu werden. Zugleich waren die Masken so zahlreich und dicht, dass man nicht ins Innerste schauen konnte.

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Von ganz anderem Kaliber war der lettische Beitrag. Die Holzschnitte zeigten Szenen aus der Zeit, wenn außerirdische Reptilien die Erde beherrschen und beispielsweise Würmer aus Menschen ernten. How bizarre?!

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Perú, país del ma­ñaana - es ging wenig politisch zu auf der Biennale. Der peruanische Beitrag war eine Ausnahme, wo offensiv auf die unfähigen Präsidenten hingewiesen wurde, welche die Probleme alle "morgen" lösen wollten.

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Der südafrikanische Beitrag fesselte uns schließlich eine ganze Weile. Die Künsterlin Candice Breitz hatte einen Film über misshandelte Flüchtlinge gedreht. Das Besondere war, dass in "Love Story" Julianne Moore und Alex Baldwin in die Rolle der Flüchtlinge schlüpften und die Geschichten erzählten. Mit jedem Schnitt wurde ein anderes der sieben Schicksale weitererzählt. Als wir irgendwann einen Raum weitergingen, standen dort sieben Fernseher, wo man diesen Menschen selbst zuhören konnte. Für mich war es einer der besten Beiträge zu Biennale. Einen Trailer zu dem 73 minütigen Film gibt es auf der Seite der Künstlerin: www.candicebreitz.net

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Die Arsenale war übrigens äußerst geschickt konzipiert, denn die Schließfächer für Taschen und Rucksäcke waren außerhalb des Ausstellungsbereiches. Somit waren wir auf das dortige Gastronomieangebot angewiesen, wo es Sandwiches und heiße Gerichte für teuer Geld gab... Dabei war es wichtig, sich zu stärken. Denn neben den schönen Dingen, die ich hier auszugsweise gezeigt habe, wurde auch ganz schön viel Unsinn gezeigt. Ganz weit vorne rangiert der Künstler Roberto Cuoghi, der mit "Imitation of Jesus" ein absurdes Schimmel-Spektakel betrieb. In einem großen Gebilde von aneinandergereihten, transparenten Plastikkuppeln lagerten verschiedene Stadien von präparierten  Jesus-Leichen, die mitunter schon etwas Pilz angesetzt hatten. Zusammen mit dem modrig, muffigen Geruch war das schon ausschließlich für echte Liebhaber...

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Auf dem Rückweg am Abend schlenderten wie noch einmal durch die leeren Hallen der Arsenale. Dabei entdeckten wir noch die ein oder andere Präsentation, die wir vorher verpasst hatten. Nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist mir diese sensationelle Video-Installation "Traces" von Nevin Aladağ, in der verschiedenste Musikinstrumente von Gegenständen aus dem öffentlichen Raum gespielt werden. Und wenn ein Stuttgarter Spielplatzkarussell Geige oder ein Schaukelpferd Tamburin spielt, kann es nur gut werden.

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Für den nächsten Tag hatten wir uns die Ausstellung in den Giardini vorgenommen; eine Parklandschaft, in der viele Nationen ihre eigenen Pavillons gebaut haben. Rasch zeigte sich, dass dies der eigentliche Publikumsmagnet der Biennale war: Nicht nur vor dem Ticketschalter gab es eine lange Schlange, auch für einzelne Pavillons mussten wir uns anstellen. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei der deutsche Pavillon, der von Dobermännern bewacht wurde und dessen Faust-Performance als bester nationaler Beitrag mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Von der Aufführung bekamen wir allerdings nichts mehr mit - doch allein die Kulisse im Inneren war beklemmend. Für mich war das nichts, da fand ich diesen gespiegelten Palast nebenan schon deutlich interessanter.

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Überraschend interessant fand ich den südkoreanischen Beitrag. Eigentlich war es drei Beiträge und endlich wurde es politisch - mit einer Sammlung zur koreanischen Geschichte. Kontroverse Politiker, Katastrophen sowie Persönlichkeiten des Landes fanden auf der Holzwand ihren Platz.

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Die Zeit ist genormt und zugleich erlebt sie jeder auf ganz andere Weise. Das stellte der Künstler Lee Wan in einem Raum mit 668 Uhren dar, die alle ihrem eigenen Takt folgen. Auf jedem Ziffernblatt findet sich ein Name, das Geburtsdatum der Person und ihre Nationalität. Unter den Personen, die Lee Wan für dieses Projekt interviewt hat, ist auch Angela Merkel gewesen. Wie schon zu erwarten war, ratterten ihre Zeiger ganz besonders schnell voran.

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War es die sich langsam breit machende Erschöpfung, fehlender Sinn für Kunst oder doch künstlerischer Kokolores, der uns schon am Nachmittag wieder zurück in die Stadt trieb? Wirklich mitreißen fand ich die Giardini zumindest nicht - und das, obwohl ich mir gerade von diesem Teil der Biennale viel versprochen hatte. Insgesamt hat sich der Besuch in meinen Augen dennoch mehr als gelohnt, weil wir die Ausstellung mit vielen neuen Eindrücken verlassen haben und man ansonsten wohl nur selten eine solch vielfältige Ausstellung zu sehen bekommt.

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