(Schlaflos in) Seattle 2019


"What a time to be alive", dachte ich mir ein ums andere Mal bei meinem Aufenthalt in Seattle und meinem ersten Besuch in den USA überhaupt - so beeindruckend wirkte die Stadt auf mich. Die Hafenmetropole im US-Bundesstaat Washington verfügt nicht nur über eine lebendige Musikszene, die mit Namen wie Nirvana, Pearl Jam oder Brandi Carlile verbunden ist, sondern ist auch Heimat der Boeing-Werke, wo jährlich knapp 600 Flugzeuge der Boeing-737-Familie ausgeliefert werden. Das Boeing-Field war auch mein Ziel. Doch dass ich diese Dienstreise mit meinen Kollegen tatsächlich antreten können würde, blieb bis zum letzten Moment ungewiss. Es war schließlich Anfang März 2019 bzw. fünf Tage vor dem Auslieferungstermin einer brandneuen 737, als man mir freudig mitteilte, dass ich ohne das Projektbüro nach Seattle reisen würde. Mein Flug würde am nächsten Morgen um 06:15 Uhr starten. Nun, das S in meinem Namen steht nicht für Spontanität und so ereilte mich eine Mischung aus Nüchternheit und Panik - damit hatte ich wirklich nicht mehr gerechnet. Und so hob ich mir die Freude für einen späteren Zeitpunkt auf.

Es galt nun, die kommenden Tage möglichst gut vorzubereiten und meine Sachen zu packen: Kleidung, Kameras, Aufladekabel und natürlich die Steckdosenadapter, die ich glücklicherweise ebenso vorsorglich organisiert hatte, wie meine ESTA-Genehmigung, um in die Vereinigten Staaten einreisen zu dürfen. Nach einer kurzen Nacht fuhr ich mit der ersten S-Bahn zum Flughafen Hannover. Freitags um halb fünf trieben sich allerhand zwielichtige Gestalten am Hauptbahnhof herum. Die einen kamen vom Feiern und grölten betrunken durch die Halle, die anderen schienen dauerhaft im Delirium zu sein - extrovertiert waren sie jedoch gleichermaßen. Dazwischen lief ich herum. Übermüdet, mit einem vollgestopften Trolley, einer vollgestopften Notebooktasche und einem Wanderrucksack auf dem Rücken, der besser nicht in die Nähe einer Handgepäckswage kommen sollte...


Der Frankfurt-Zubringer LH49 brachte mich zum größten Drehkreuz des Kranichs, wo mich die LH490 in rund zehneinhalb Stunden zum Seattle/Tacoma International Airport fliegen sollte. Der Flug an Bord des Airbus A330-300 war für mich die erste Langstrecke und der erste Flug in einem Widebody. Umso eindrucksvoller war es, dass ich in der Business Class logieren durfte. Französischer Perlwein, Ziegenkäse-Tatar oder konfierte Garnelen - die Menükarte bot eine vornehme Auswahl (Anm. d. Red.: Der Autor hatte zuweilen keinen Schimmer, was er sich darunter vorstellen sollte). Meine Essenswahl fiel etwas bodenständiger aus und auch im Bereich der Getränke hatte mir vorgenommen, nicht aus dem Vollen zu schöpfen. Spätestens als die dampfenden Handtücher gereicht wurden musste man mir schließlich ansehen, dass ich mit dieser Welt noch nicht vertraut war und ich wollte nicht der gierige Typ von Platz 8C sein, über den in der Galley schon gelästert wird. Aber der große Sitz, der sich fast komplett waagerecht ausfahren ließ und die Beinfreiheit bis Meppen waren großartig. Zugleich bekam ich auf diesem Flug eine Ahnung davon, wie meisterhaft Amerikaner Smalltalk betreiben können. Mein Sitznachbar - ein weltoffener Google-Mitarbeiter aus Seattle - ließ sich nicht lumpen und plauderte vom Boarding bis zum Dessert mit mir. Allerdings versorgte er mich auch Ausflugstipps und Globetrotter-Wissen rund um Seattle.


Stutzig machte mich schließlich der Wetterbericht im Anflug: Es gab Schneeregen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Nachdem mich in Hannover schon einige milde Tage heimgesucht hatten, ließ ich meine Winterstiefel wie selbstverständlich im Schuhschrank stehen und war auf sonnige Tage eingestellt. Zumindest trocken war es, als ich schließlich das Terminal verließ und mich nach unzähligen Stunden in einer klimatisierten Umgebung in die schneidende Kälte des Pazifischen Nordwestens begab. Dem vorausgegangen war eine Stunde Warterei bei der Einreisekontrolle und eine kleine Pause an der Gepäckausgabe, wo ich müde im WLAN herumlungerte und erst einmal prüfen musste, wie ich überhaupt mein Hotel erreichen konnte. Die Sound Light Rail, eine Art Stadtbahn, fuhr mich schließlich für wenige Dollar in 20 Minuten ins Zentrum und spuckte mich unweit meines Hotels für die nächsten zwei Tage aus, dem W Seattle in der 4th Street. Ich erreichte mein schickes Hotelzimmer etwa 20,5 Stunden nachdem ich meine Wohnung verlassen hatte und das zweite Müdigkeitstief des Tages schlug gnadenlos zu.

Als es jedoch aufklarte, die Sonne zum Vorschein kam und die Glasfassaden der umliegenden Hochhäuser das warme Abendlicht reflektierten, zog es mich sofort nach draußen. Denn meine Zeit in den USA war sehr begrenzt und ich wollte - neben meinem dienstlichen Auftrag - möglichst viel sehen von einer Stadt, die in jenem Land lag, welches in der Popkultur gern als "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" beschrieben wird. Passenderweise hing mir der Springsteen-Song "Land of Hope and Dreams" im Kopf und mich erfasste eine Begeisterung wie die beiden Hexen aus Wicked, die für einen Tag die grüne Smaragdstadt entdecken durften. Wie passend, denn Seattle wird aufgrund der grünen Vegetation und regnerischen Tage gern auch als "Emerald City" bezeichnet.

Also startete ich meinen Streifzug durch die Hochhausschluchten in Richtung Waterfront. Schnell traf ich einen Menschen aus der Kategorie "Leute, die es gar nicht gibt". Er stürzte sich mit seinem Football von Ampel zu Ampel, täuschte Manöver rund um ahnungslose Passanten an, ehe er den Wartenden auf der anderen Straßenseite den Ball zuwarf. Unten am Wasser schallte schließlich Creedance Clearwater Revival durch eine Werkstatt und ein paar Typen spielten Basketball auf der Lagerfläche. Einige Leute saßen am Wasser und hatten - wie ich ebenfalls - befunden, dass dies definitiv Sonnenbrillenwetter war.

Seattle

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Kurz danach erklomm ich die Treppen, die hoch zum Public Market führten. Dort waren die Händler im Begriff, ihre Stände langsam abzubauen, doch weiterhin pulsierte das Leben in der Pike Street. Viele kleine, eigenwillige Geschäfte reihten sich dort aneinander. Von einem angestaubt anmutenden Bücherladen, über eine Käserei, vor dessen Tür sich eine lange Schlage bildete, eine Weinhandlung mit freitäglichen Verkostungen, um die Stadtbewohner gut durch die Winterzeit zu bekommen, bis hin zu einem kleinen Laden, wo süße und herzhafte Piroggen verkauft wurden, war alles dabei. Um es kurz zu machen: Ich war dermaßen beeindruckt, dass ich die Müdigkeit im Nu abgeschüttelt hatte. In der Nähe gab es mit dem Victor Steinbrueck Park - einer kleinen Grünfläche mit vielen Bänken und Tischen - einen guten Ort, um den Sonnenuntergang über dem Puget Sound zu beobachten. Derweil kreuzten die wuchtigen weiß-grünen Fähren die Meeresbucht auf ihrem Weg nach Bremerton oder Bainbridge Island.

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Wieder und wieder machte ich die Erfahrung, wie ungewohnt kommunikativ die Amerikaner gegenüber Fremden sind. Und sei es nur der Kommentar der Kassiererin, dass ich da gerade die besten Kekse kaufen würde. Aber wie heißt es so schön? Bleiben Sie anspruchsvoll! Bevor ich jedoch zurück zum Hotel ging, legte ich noch einen kurzen Fotostopp bei einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt ein, dem Pike Place Market. Den Besuch auf einem der ältesten Bauernmärkte der USA hatte ich schon fest für den nächsten Tag eingeplant.

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Samstagmorgen bekam ich schließlich einen Eindruck davon, wie verwirrend ein Jetlag sein kann. So setzte ich mich um vier Uhr hellwach an meinen Schreibtisch und arbeitete ein paar Stunden, ehe ich mich zum Frühstück zum gegenüberliegenden Starbucks begab. Dort stellte ich fest, dass womöglich nichts "deutscher" an mir war, als meine Essgewohnheiten. Wie sehr mich das Thema umtrieb, zeigt auch der Umstand, dass ich am Vorabend schon in meiner Instagram-Story nach Frühstückstipps fragte. Schnell stellte sich heraus, dass teure, warme, fettige Sandwiches nicht mein Fall sind. Deutlich preiswerter (aber zufriedenstellender) fand ich dagegen die Bagles bei Starbucks, die man sich mit Butter oder Frischkäse beschmieren konnte. Leider hatte ich nach dieser Versuchsreihe nicht nur mit großer Müdigkeit zu kämpfen, sondern zugleich einen enormen Klumpen im Magen liegen. Da half nur eine weitere Runde Schlaf...

Am Vormittag, die Fußmatten im parfümierten Hotellift wünschten einen guten Morgen, startete ich schließlich etwas träge, aber voller Vorfreude, meine Erkundungstour. Insgesamt hatte ich nicht einmal 48 Stunden in Downtown zur Verfügung und in dieser Zeit wollte ich möglichst viel sehen und erleben. Auch die Sonne entschied sich erneut, die Stadt im besten Licht zu präsentieren, Möwen kreischten und ab und zu heulte eine Polizeisirene auf. Mein erster Programmpunkt war - wie sollte es für einen Forscher auch anders sein - die Zentralbibliothek der Seattle Public Library, die nur einen Block entfernt lag. Das eigenwillige Gebilde aus Glas und Stahl passt nicht unbedingt in die Umgebung, aber von innen erzeugt die luftige und verschachtelte Konstruktion eine helle, freundliche Atmosphäre, in der ich gerne mal geforscht hätte...

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Anschließend schlenderte ich zum Pike Place Market. Von Block zu Block, wo mich jedes Mal eine Ampel ausbremste. Aber ich will mich nicht beschweren, denn grundsätzlich war vieles fußläufig gut erreichbar. Irgendwann erfüllte ein penetranter Gummigeruch die Luft - ich hatte die Gum Wall erreicht. In der Post Alley, einer kleinen Gasse, die unterhalb des Marktes entlang führt, werden die Wände des Markttheaters seit vielen Jahren mit Kaugummis beklebt. Zwar erfahren die Backsteinwände hin und wieder eine gründliche Hochdruckreinigung, da der Zucker die Steine langsam zersetzt, aber in der Regel ergibt sich kurze Zeit später wieder ein farbenfrohes Bild. Ein Onlinemagazin stellt sogar die Frage, ob dies die ekligste Sehenswürdigkeit der Welt sei und zumindest bei mir breitet sich wieder ein flaues Gefühl im Magen aus, wenn ich daran zurückdenke.

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Anschließend tigerte ich durch Pike Place Market. "Come explore Seattle’s Heart and Soul" wirbt Visit Seattle für den Markt, der rund 500 Stände, Geschäfte, Bars und Restaurants beherbergt. Nun würde ich mich nicht als typischen Marktgänger bezeichnen, doch die rustikale Atmosphäre in dem verschachtelten, alten Gebäude, das sich über mehrere Ebenen erstreckt, gefiel mir. Die vielen Essensstände boten nicht nur eine kulinarische Vielfalt, auch bei den Geschäften reichte das Portfolio vom Tee- und Gewürzgeschäft, über indigene Kleidung, hin zum Fachgeschäft für Souvenirgedöns. Bei meinem Rundgang entdeckte ich auch ein Museum für Mikrobrauereien. Der ungeschlagene Touristenmagnet ist jedoch der Fischstand, an dem die Verkäufer sich die Fische unter großem Alarm zuwerfen, ehe sie verpackt werden und über die Ladentheke wandern. Bemerkenswert fand ich jedoch, dass trotz des großen Andrangs kein wirkliches Gedränge aufkam. Ich erlebte die Amerikaner als sehr rücksichtsvoll, dauernd machte jemand Platz oder es entschuldigte sich jemand, wenn er versehentlich den Durchgang blockierte.

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Meine Erkundungstour durch Seattle setzte ich in Richtung Belltown fort, das als lebendiges und hippes Viertel mit vielen Boutiquen, Bars und Cafés gilt. Die Dichte an Hochhäusern nimmt dort langsam ab und wird durch zwei- bis dreigeschössige Backsteinbauten ersetzt. Mein Ziel war die Macrina Bakery, ein tolles Café mit europäischem Einschlag, deren beachtliche Auswahl an Brot- und Brötchensorten auch die Zauberworte "Vollkorn" und "Pumpernickel" aufwies. Ich musste also dorthin. Zwar schmeckt ein Vollkornbrötchen dort ungewöhnlich süß, aber besser als der sonstige Weizenschaumstoff war das alle mal.

Allerdings hatte ich noch ein weiteres Anliegen, denn der 9. März - so will es die Bonner Tradition - ist der International Hazelnutchino Day (Anm. d. Red.: Der Autor hat diesen Tag mit seinen Studienfreunden in einer der viel zu langen Mittagspausen frei erfunden. Er ist aber immer noch guter Dinge, dass das noch zu Lebzeiten ein Ereignis von überregionalem Rang werden wird). Selten hatten wir den IHD, so lautet die gängige Abkürzung, so international ausrichten können. Denn neben Bonn und Seattle waren auch Shanghai und Brüssel dabei. Was kaum jemand ahnt: Ausgerechnet im Land der Geschmacksverstärker und Chlorhühnchen konnte ich keinen Haselnusssirup für meinen Cappuccino bekommen. Zumindest nicht im Macrina und mit den Besuchen bei Starbucks wollte ich es nun nicht übertreiben, auch wenn sich am Pike Place die allererste Filiale dieser weltweit vertretenen Kaffeehauskette befindet. Tja, da will man einmal individuell sein und zack, hat man die Torte im Gesicht. Nächstes Jahr wieder...

Weiter ging es zum Skulpturenpark, ehe ich das Wahrzeichen der Stadt ansteuerte, das heute par excellence für Seattle steht: die Space Needle. Der Aussichtsturm wurde einst anlässlich der EXPO 1962 errichtet und erst vor kurzem aufwändig saniert. Oben befindet sich neben einer Aussichtsplattform auch ein Restaurant, das einen Rundumblick über die Stadt und den Puget Sound bietet. Die rund 37 USD Eintritt waren es mir jedoch nicht wert, sodass ich mich auf ein paar Fotos von unten beschränkte und anschließend mit der antik anmutenden Monorail-Bahn zurück ins Zentrum gondelte.

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Bei meinen Vorbereitungen auf Seattle bin ich auf dieses Video gestoßen: 10 things to do in Seattle. Die Tipps hatten meine Vorfreude enorm angeheizt und so spekulierte ich auf einen kleinen Abstecher nach Alki Beach. Zwar war es noch etwas zu kalt, um gemütlich am Strand auf den Sonnenuntergang zu warten. Allerdings hatte man mir ein schönes Panorama von der Skyline versprochen. Leider scheiterte ich daran, den provisorischen Anleger für die Fähre zu finden, die mich durch das Hafenbecken in den Süden der Stadt bringen sollte. Dass ausgerechnet mir das als Feldforscher passieren musste... Weil mir die Anreise und der Tag aber merklich in den Knochen steckten, kehrte ich schließlich ins Hotel zurück, um mich auf das Abendprogramm vorzubereiten.

Fast immer gibt es nämlich das eine Motiv, das ich auf einer Reise unbedingt fotografieren möchte. In Bergen was es der Sonnenuntergang vom Fløyen aus, in Venedig war es der Blick von der Ponte dell’Accademia und in Seattle sollte es die Skyline samt Space Needle in der Abenddämmerung werden. Mich fasziniert diese Architektur, ist sie doch so weit weg von jenem städtebaulichen Alltag, der mich bisher an Elbe, Weser, Rhein und Leine umgab. Mit dem Bus fuhr ich also von meinem Hotel zum Queen Anne Hill, wo sich - umgeben von sehr repräsentativen Eigenheimen - der Kerry Park befindet. Ich fühlte mich fast wie ein Local, als ich das Handyticket vorzeigte. Derweil fand ich 2,75 US-Dollar für eine Fahrkarte, die zwei Stunden gültig war, recht fair. Am Kerry Park kam jedoch wieder der Touri in mir durch, als ich mich neben all die anderen Schaulustigen und Fotografen stellte. Ein Geheimtipp ist der Platz wirklich nicht - aber absolut lohnenswert, wie ich finde. Dementsprechend oft drückte ich wieder und wieder auf den Auslöser, bis ich bei den Temperaturen um null Grad kalte Füße bekam.


Seattle

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Auf dem Rückweg fuhr ich zufällig am Radiosender KEXP vorbei. Der Sender hat regelmäßig tolle Künstler in seinem Studio zu Gast, die dort kleine Sets spielen. Natürlich war auch mein Local Hero Brandi Carlile dort, als sie im vergangenen Jahr auf Promo-Tour für ihr neues Album war. Ich wäre gerne ausgestiegen, aber der aufkommende Hunger dirigierte mich zurück ins Zentrum. Dort steuerte ich den Veggie Grill an - ein Fast Food Restaurant, das den Eindruck erweckte, dass der Erwerb einer Fettleber nicht gleich inklusive war. Immerhin wollte ich ja noch in mein Sakko passen, wenn ich am kommenden Tag "Bill Boeing" besuchen sollte. Ein Gedanke, den ich 15 Stunden später bei meinem Brunch in der Macrina Bakery galant beiseite gewischt hatte und mir unter anderem Bratkartoffeln und Spiegeleier auf Toast genehmigte. Allerdings hatte ich mich erst am späten Vormittag auf den Weg gemacht, da es zuvor galt, die nächsten Tage vorzubereiten, die rein dienstlich ausfallen würden.

Mir blieben noch ein paar Stunden in der Innenstadt zur freien Verfügung und das Wetter war erneut meilenweit von dem tristen Regenwetter entfernt, das man Seattle für gewöhnlich nachsagt. Noch nicht vollends angekommen in dieser Zeitzone, aber gepackt von der Neugier, entschied ich mich für einen Besuch im Sky Observatory, das sich auf dem Columbia Tower befindet. Die Sicht an diesem Tag war fantastisch; im Westen zeichneten sich deutlich die schneebedeckten Berge der Olympic Mountains ab. Das Hochhaus soll den besten Blick über die Stadt liefern, so hatte ich es zuvor in Erfahrungsberichten gelesen. Mit einem Eintrittspreis von 20 US-Dollar kostete es nur knapp die Hälfte dessen, was die Betreiber der deutlich niedrigeren Space Needle tagsüber verlangten. Ausgerechnet an jenem Sonntag war der Columbia Tower jedoch für einen Treppenhauslauf gesperrt. Tja, wie würde man im Kölschen Karneval singen? "Ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahatma Gandhi". Ein Abstecher zum Gas Works Park am Lake Union, der auch auf meiner Liste stand, schien mir zu weit und so lungerte ich noch ein wenig auf einer Holzbank am Wasser herum und gab mich meinem Jetlag hin.

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Es ist schon seltsam. Grob gesehen, scheint sich das Alltägliche in den USA und Deutschland nicht zu unterscheiden und dennoch wirkte vieles so fremd. Diese klar strukturierten Stadtviertel mit ihren Blocks und Einbahnstraßen, die vergitterten Ampeln, die riesigen Supermärkte, die parfümierten Einkaufszentren - überall gab es Ungewohntes zu entdecken. Entsprechend gespannt war ich auf meine erste Uber-Fahrt, die mich aus Downtown nach Seattle South Center bringen sollte. Für mich war Uber immer eine Art Zubrot für gesprächige Leute, wie etwa die klassischen Mitfahrzentralen bei uns. Umso erstaunter war ich, dass es sich aus Kundensicht für mich nicht von einem gewöhnlichen Taxi unterschied. Derweil hatte ich einige Mühe meinen Fahrer zu verstehen, dessen Wurzeln wohl in Pakistan oder Indien lagen und dessen Akzent ich nur mit großer Aufmerksamkeit folgen konnte. Gegen seine Fahrkünste hatte ich dagegen nichts einzuwenden und so kam ich entspannt in einer Gegend an, die durch Industrie und Appartementanlagen dominiert war. Das einzige, womit man dort aufwarten konnte, war die Nähe zur 737-Produktion in Renton und zum Boeing Field. Und genau das war mein Ziel.


"If it ain't Boeing, I'm not going", dieses beliebte Motto hatte an jenem 10. März ganz erheblichen Schaden genommen, dessen Ausmaß meine Kollegen und ich in Seattle noch nicht erahnten, als wir uns einen Tag später auf die Auslieferung einer Boeing 737 vorbereiteten. Mit dem furchtbaren Absturz einer Boeing 737 MAX 8 in Äthiopien - dem zweiten Unfall binnen weniger Monate mit diesem Modell - setzte sich allerdings in den nächsten Stunden und Tagen eine Entwicklung in Gang, die zum weltweiten Grounding dieses Flugzeugtyps führen sollte. Die allgemeinen Konsequenzen sind bekannt.

Für mich bedeutete das an jenem trüben Dienstagmorgen, dass ich meine Heimreise nicht wenige Stunden später vom Boeing Field antreten sollte, sondern mich gegen Mittag überraschend wieder am Seattle-Tacoma-Airport einfinden musste. Ehrlich gesagt ist die Lufthansa für mich nie eine Marke gewesen, mit der ich viel verbunden habe. Wenn man jedoch plötzlich aufgeschmissen in der Weltgeschichte steht und die große Gewissheit hat, dass zumindest der Kranich einen sicher nach Hause bringen wird, ist das durchaus ein schönes Gefühl. Das können auch ein System-Ausfall samt manuellem Check-In und die aufwändige Sicherheitskontrolle nicht trüben. Und was hatte noch der schrankartige Typ, der neben vielen anderen Kontrolleuren meine Bordkarte kontrollierte, gesagt? "Auf Wiedersehen!" Tja, wer weiß...

Vor Abflug konnte ich noch zwei interessante Vertreter des nordamerikanischen Kontinentalverkehrs dingfest machen. Zum einen präsentierte sich eine Delta Boeing 717 (N996AT), zum anderen hatte ich das Vergnügen mit meiner ersten Boeing 737-900ER (N267AK) in dem rundum erneuerten Farbkleid der Alaska Airlines.

Delta Air Lines - B717 - N996AT (1)

Alaska Airlines - B739 - N267AK (1)

Erstmal richtete ich mich jedoch auf einem der letzten verfügbaren Sitze in der Economy Class des Airbus A330 ein. Hier ging es natürlicherweise deutlich bescheidener und lauter zu, als in der Business Class. Vor allem den großen Sessel mitsamt all dem Platz und der Ruhe hatte ich "vorne" sehr geschätzt. Die Essenswahl - beim Hauptgang bestand die Wahl zwischen Pasta und Hühnchen - war nicht sonderlich aufregend, aber es schmeckte, es gab kostenlos Wein und insgesamt fühlte ich mich sehr gut aufgehoben. Und so schipperte ich alsbald der Nacht über dem Nordatlantik entgegen



An richtigen Schlaf war nicht zu denken, aber mein Körper schien mittlerweile sowieso endgültig die Peilung für Tag und Nacht verloren zu haben. Etwas platt erreichte ich den Rhein-Main-Flughafen am Vormittag, doch die eigentliche Herausforderung stand mir noch bevor. Der Anschlussflug nach Hannover war bereits ausgebucht, sodass ich meine Rückreise in einem vollen ICE im A B T E I L antreten musste. Natürlich hatten alle viel Gepäck und lange Beine sodass es wahrlich kein Vergnügen war. Ich weiß wirklich nicht, warum es heute noch so viele Abteilplätze geben muss. Dass kann doch niemand ernsthaft wollen, es sei denn man ist gerade mit seinem Kegelclub aus Wanne-Eickel unterwegs. Wobei die Kegelclubs auch gern im Großraumwagen sitzen...

Und so endet die Geschichte, wie ich fast einmal ein Flugzeug aus Seattle abgeholt habe. Ohne Flugzeug, aber mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen im Gepäck.

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